Landmadla forever

Landmadla forever

Ich ziehe um. Vom Dorf in die Stadt. In die Großstadt. Von fünfeinhalb Tausend Einwohnern zu hundertfünfundzwanzig Tausend Einwohnern. Vom 10- ins 20-Parteien-Haus.

Und das nur semi-freiwillig. (Eine Beziehung lebt von Kompromissen und so.)

„Julia, du bist jung – was machst du auf dem Dorf?“ Unverständnis schlug mir stets an meinem städtischen Arbeitsplatz entgegen, wenn ich mich als Landmadla outete. „Was macht man denn in so nem Dorf unter der Woche abends?“ Keine Ahnung, ich mache nix. Und das wird sich auch in der Stadt nicht ändern. Ich möchte meine Ruhe, bitte sehr.

Für Introvertierte ist das Landleben ein Genuss. Abgesehen von Kerwas und Fasching sind die Reize gering – keine lauter Verkehrslärm, keine blinkenden Neonschilder, wenig Menschen. Ich ging aus dem Haus und stand nach zwei Minuten allein auf weiter Flur. Ich konnte stundenlang gehen, mit nur geringer Gefahr eine Menschenseele treffen zu müssen.

„Jaaaa, aber das ist doch langweilig da. Nix los. Immer die gleichen Leute,“ so der Einwurf der Städterer. Für mich ein Zeichen ihres begrenzten Horizonts. Wer die Provinz langweilig findet, hat entweder keine Fantasie oder die falschen Freunde. Nur weil es in der Stadt ständig neue Clubs, Bars und Attraktionen gibt, heißt das nicht, dass es dort aufregend ist. Es hat nur den Reiz des Neuen. Is ja was Neues, könnte cool sein. Meistens isses aber nur eine Kopie von schon Dagewesenem. Was heute so gehypet wird, ist in ein paar Monaten wieder vergessen. Auf dem Land sind „In und Out“ keine Kategorien.

Unterhaltung ist Mindset, nicht Umgebung. Babys werden damit geboren. Je älter sie werden, desto mehr geht es ihnen verloren. Bis sie plötzlich Mitte Vierzig sind, zu enge Hosen tragen und glauben ein Sportwagen und ein jüngerer Partner würden ihr Leben wieder aufregend machen.

Wer das Land doof findet, findet es doof und lässt sich auch nicht umstimmen. Obwohl man ja in der Stadt ach so aufgeschlossener und toleranter ist. Es ist wie bei Kommissarin Sophie Haas aus „Mord mit Aussicht“. In der Ortschaft Hengasch, in der sie von Köln aus zwangsversetzt wird, wird gemordet, entführt, vergiftet und überhaupt verbrochen, dass sich die Balken biegen. Aber in jeder Folge beschwert sie sich, dass in der Eifel einfach nix passiert.

PRIVILEGIEN DES LANDLEBENS

– Auf dem Land kann man ins Grüne gehen, ohne dass damit ein Park gemeint ist, in dem die gesamte Stadt strömt, wenn es über 20 Grad hat.

– Auf dem Land kann man mitten auf der Straße laufen, ohne Angst um sein Leben haben zu müssen.

– Auf dem Land atmet man Odel statt Abgase ein.

– Auf dem Land kann man nachts das Fenster öffnen, ohne wegen des Straßenlärms keine Auge zutun zu können.

– Auf dem Land kann man über Leute tratschen, die man wirklich kennt, anstatt sich an austauschbaren Promis abzuarbeiten.

Stadt/Land – not so different after all?

Als Sarah Palin 2008 vergebens versuchte Vizepräsidentin der USA zu werden, hatte die Hockey-Mom den genialen Einfall, sich als Vertreterin des provinziellen Amerikas hervorzutun. Small town Americas ei das „wirkliche“ Amerika. Solche, die für Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Würde stünden. Suggestion: In den Städten geht es zu wie in Sodom und Gomorrha. (Jon Stewart, der Moderator der satirischen The Daily Show, konterte dass Städte auch nur viele Dörfer aufeinandergestapelt seien.)

Hierzulande äußert man sich eher abfällig über die Provinz: Städte sind progressiv, modern, weltoffen. Auf dem Land ist man konservativ, langweilig und spießig.

Woran macht man das fest? Neues findet immer erst in den Städten statt. Aber ist das wirklich ein Zeichen der innovativen Überlegenheit von Stadtbewohnern oder einfach eine banale Kosten-Nutzen-Rechnung? Wenn ich etwas Neues ausprobiere, dann doch da, wo mir potenziell mehr Leute zu Erfolg verhelfen können, weil dort einfach mehr von ihnen wohnen.

Sind Dörfer konservativ und rückständig? Mein Dorf hat seit 13 Jahren eine Bürgermeisterin. Wer regiert euch, meinen lieben Berliner*innen? Mein Dorf hat eine Faschingspräsidentin und eine Sitzungspräsidentin. Irgendwelche Kommentare dazu, Köln? Die AfD ist in meinem noch-Gemeinderat nicht vertreten. Wie ist das bei euch so, Gelsenkirchen?

Es wirkt auf mich fast so, als ob man weder Stadt noch Land verallgemeinern kann. Hm, interessant.

LANDMADLEA – DAS MAGAZIN

Landmadla Magazin

Von Mai bis Oktober 2019 war ich begeisterte Leserin des Landmadla Magazins der Mediengruppe Oberfranken. Landmadla war eine monatlich erscheinende Zeitschrift von Fränkinnen für Fränkinnen. Nix mit „öha, auf dem Land ist‘s langweilig“, keine Verherrlichung des Stadtlebens und vor allem keine Herabsetzung der Leserinnen. Wieso sollten junge Frauen, die sich dafür entschieden haben, auf dem Land zu wohnen, an anderen Dingen interessiert sein als Stadtfrauen? Im Landmadla-Magazin wurden interessante Frauen aus der fränkischen Geschichte porträtiert, das „Covermadla“ war eine ganz normale Fränkin – nicht bis zur Unkenntlichkeit gephotoshoppt – es gab Veranstaltungs- und Ausflugstipps für die Region, Reportagen über Stripper*innen, den Ansturm von Flusskreuzfahrtstouristen in Bamberg oder Analphabetismus. Das Layout war einzigartig und das gesamte Heft von Frauen geschrieben. Landmadla war eine hervorragende Publikation.

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